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Die Haustaube

Seit Jahrtausenden ist die Taube ein Haustier des Menschen. Sie wurde einst im Orient gezüchtet, weil sie in den Tempeln nistete und daher als heiliges Tier angesehen wurde. Heute wird sie aus Liebhaberei oder als Brieftaube, aber auch ihres zarten Fleisches wegen gehalten. Als Wohnung bekommen die Tauben einen Bretterverschlag auf dem Dachboden oder einen freistehenden Taubenschlag.
Unsere gewöhnliche Haustaube hat ein blaugraues, am Hals grünlich und rötlich schimmerndes Gefieder und zwei schwarze Querbinden auf den hellgrauen Flügeln. Sie wird auch Feldtaube genannt, weil sie auf dem Land häufig Streifzüge auf die Felder hinaus macht, um Nahrung zu suchen. Die vielen Tauben, die wir heute in den Städten sehen, sind verwilderte Haustauben. Sie nisten auf Kirchen und anderen hohen Gebäuden und suchen ihre Nahrung in den Anlagen und auf den Plätzen der Städte. Wo sie in Massen auftreten, können sie durch die Verschmutzung der Gebäude und Plätze lästig werden.
Körperbau und Gefieder

Die Taube besitzt wie die Säugetiere ein inneres Knochengerüst mit einer Wirbelsäule. Als Vogel unterscheidet sie sich aber von den Säugetieren durch drei Hauptmerkmale: Ihr Körper ist mit Federn bedeckt, der Kopf trägt einen Schnabel, und die Vordergliedmaßen sind als Flügel ausgebildet. Die Federn bestehen wie unsere Haare aus Horn. Dicht über der Haut finden sich die kleinen, weichen Dunen oder Flaumfedern, die den Körper warm halten.
Darüber breiten sich die größeren und stärkeren Deckfedern aus. Sie bestehen aus dem festen Kiel und der dünnflächigen Fahne. Die Fahne wird von zahlreichen Strahlen gebildet, von denen wieder Nebenstrahlen ausgehen. Diese sind dort, wo sie sich überkreuzen, durch Häkchen miteinander verbunden. Im Herbst fallen die federn nach und nach aus und werden durch neue ersetzt. Diesen Federwechsel nennt man Mauser. Der Arm der Taube ist kurz und schmal
(s. Abb.). Von den Handknochen sind nur wenige ausgebildet. Am Hinterrand des Armes aber sitzen die langen und starken Schwungfedern, mit deren Hilfe der Vogel fliegt. Die kraftvollen Flügelschläge werden von den starken Brustmuskeln ausgeführt, die an dem breiten Brustbein und besonders dessen hohem Kamm ansetzen. Da die Schultergelenke beim Flug stark belastet werden, sind sie gut abgestützt: die starken Rabenbeine ziehen von den Schultergelenken zum Vorderrand des Brustbeins und stützen sich dort auf; die beiden Schlüsselbeine sind zu dem V-förmigen Gabelbein verwachsen, das als elastische Spange zwischen die beiden Schultergelenke eingespannt ist. Kopf und Hals des Vogels sind außerordentlich beweglich; das ist für den Vogel wichtig, da ja die Vordergliedmaßen zu Flügeln umgewandelt sind und damit für das Zupacken, Scharren, Graben usw. wegfallen.
Seinen Schnabel verwendet der Vogel außer beim Nahrungserwerb auch zum Reinigen und Einfetten des Gefieders, beim Nestbau, bei der Brutpflege u.a.
Die starke Beweglichkeit des Kopfes beruht auf der großen Zahl von Halswirbeln, die zudem durch ihre Sattelgelenke gegeneinander drehbar sind. Ferner ist der Kopf mit dem ersten Halswirbel nur durch einen einzigen Gelenkhöcker verbunden und besitzt dadurch eine große Drehfähigkeit.
Am Ende des Rumpfes bilden 12 große Federn den „Schwanz“ des Tieres. Er dient beim Flug als Steuer.
Die Schwung- und Schwanzfedern sind wie die Deckfedern gebaut. Die Beine der Taube - und aller anderen Vögel - bestehen wie die des Menschen und der Säugetiere aus Oberschenkel, Unterschenkel und Fuß. Während der Oberschenkel völlig von der Körperhaut des Rumpfes eingeschlossen ist, ragt der Unterschenkel aus ihr etwas hervor. Der lange Abschnitt des Fußes, der auf den Unterschenkel folgt, ist der Lauf; er entspricht dem Mittelfuß der Säugetiere. Das nach hinten weisende Gelenk zwischen dem befiederten Unterschenkel und dem mit Hornschildern bedeckten Lauf entspricht also dem Fußgelenk der Säuger; die Fußwurzelknochen sind bei den Vögeln teils mit dem Unterschenkel, teils mit dem Lauf verschmolzen.
Die Taube tritt nur mit den Zehen auf, von denen drei nach vorne gerichtet sind, eine nach hinten. Ihre Krallen sind klein und schwach. Der Gang der Taube ist trippelnd. Bei jedem Schrittchen wippt sie mit dem Kopf.
Die Taube, ein Körnerfresser
Die Feldtaube sucht sich auf den Ackern Getreide und Unkrautsamen. Statt des Gebisses hat sie wie alle Vögel einen Schnabel. Die Knochen der beiden Schnabelhälften stecken in Hornscheiden, die an der Spitze besonders hart sind. Damit kann die Taube die Körner aufpicken, nicht aber zerkleinern. In einer besonderen Erweiterung der Speiseröhre, dem Kröpf, werden sie angesammelt und mit Wasser aufgeweicht. Dann gelangen die Körner in eine zweite Erweiterung der Speiseröhre, den Vor- oder Drüsenmagen. Hier werden sie mit Verdauungssäften vermengt und weiterhin aufgeweicht. Dann erst kommen sie in den eigentlichen Magen. Er hat eine starke Muskelwand, ist von einer dicken, hornigen Haut ausgekleidet und enthält stets Steinchen, die die Taube absichtlich mit der Nahrung verschluckt. Zwischen ihnen werden die aufgenommenen Körner zerrieben. Der Muskel- oder Kaumagen ersetzt somit das fehlende Gebiss. Kot und Harn werden laufend in kleinen Portionen zusammen ausgeschieden. Eine Harnblase fehlt. Beim Trinken verschließt die Taube die am Grunde des Oberschnabels liegenden Nasenlöcher mit je einem Kläppchen. Dann bildet ihr Schnabel gleichsam eine Röhre, durch die sie das Wasser einsaugen kann.
Atmung.
Wie bei den Säugetieren tritt auch bei den Vögeln die Atemluft durch die Nasenlöcher ein und gelangt durch die Luftröhre in die Lungen. Bei den Vögeln aber stehen mit den Lungen große, dünnhäutige Luftsäcke in Verbindung. Sie liegen zwischen den Eingeweiden und erstrecken sich mit ihren Abzweigungen bis in die hohlen Knochen. Beim Einatmen strömt die Atemluft durch die Lungen in die Luftsäcke. Aber nur in den Lungen findet der Gasaustausch von Sauerstoff und Kohlendioxid statt. Atmet der Vogel wieder aus, so durchströmt die Luft aus den Luftsäcken die Lungen zum zweiten Male. Dadurch wird sie besser ausgenützt, und der Vogel kommt selbst bei der großen Anstrengung des Fliegens nicht außer Atem. Das Ein- und Ausatmen erfolgt nur durch Erweitern und Verengen des Brustkorbes. Ein Zwerchfell haben die Vögel nicht.
Die Taube und ihre Jungen
Im Taubenschlag baut die Taube aus Halmen und Federn ein kunstloses Nest.
Sie legt alljährlich 3 - 5mal je zwei weiße Eier. Ständig sitzt entweder die Taube oder der Täuber auf den Eiern, um sie mit ihrer Körperwärme auszubrüten. Sie lösen sich dabei alle paar Stunden ab. Die Jungen sind anfänglich nackt, blind und völlig hilflos; sie werden von den Eltern erwärmt und gefüttert. Solche Vogeljungen heißt man Nesthocker. In der ersten Zeit bekommen sie als Nahrung einen weichen, milchigen Brei, der sich zu dieser Zeit im Kröpf der Alten bildet. Dabei steckt das Junge seinen Kopf tief in den Rachen des Altvogels. Später erhalten sie aufgeweichte und schließlich harte Körner und dazu die nötigen Steirnchen für den Kaumagen. Nach vier Wochen sind sie flügge.
Abstammung und Rassen
Unsere gewöhnliche Haustaube, die Feldtaube, stammt von der Felsentaube ab, die noch heute die felsigen Steilküsten des Mittelmeers bewohnt. Viele Taubenpaare hausen dort gemeinsam in einer Felsennische oder -höhle. Die einzelnen Paare haben nahe nebeneinander ihre Nistplätze, die sie gegeneinander verteidigen. Sonst wird die Höhle gemeinsam benützt. Auch zur Nahrungssuche fliegt die Höhlenbevölkerung gemeinsam aus. Daraus erklärt sich, dass auch die Haustauben gesellig leben, gemeinsam im höhlenähnlichen Taubenschlag brüten und in großen Schwärmen beisammen bleiben; ferner dass sie sich auf Türmen, Mauervorsprüngen und in Nischen von Steinbauten aufhalten, nie aber im Gezweig von Bäumen zu finden sind. Aus der Feldtaube, die der Felsentaube noch zum Verwechseln ähnlich ist, hat der Mensch im Lauf der Zeit eine große Zahl von Taubenrassen gezüchtet. Die Feldtauben selbst gibt es außer mit blaugrauem auch mit weißem, schwarzem und buntfarbenem Gefieder.

Andere Rassen (Abb.) unterscheiden sich von der Feldtaube außer in der Farbe auch in der Größe (Römertaube, Brieftaube), in der Form des Gefieders (Pfauentaube, Perückentaube) oder in der Körpergestalt (Kropftaube). Die Brieftauben, die wie die Feldtauben der Felsentaube noch sehr ähnlich sind, sind besonders schnelle und ausdauernde Flieger und finden selbst aus mehreren hundert Kilometern Entfernung in ihren Heimatschlag zurück. Dabei legen sie etwa 70 km in der Stunde zurück. Früher verwandte man sie in Krieg und Frieden häufig zur Überbrin
gung von Nachrichten. Verwandte. Die häufigste unserer einheimischen Wildtauben ist die blaugraue Ringeltaube. Sie hat am Hals zwei weiße Flecken, die im Alter meist zu einem Ring verschmelzen. Im Gegensatz zur Felsentaube ist sie ein echter Baumvogel. Ihre Hauptnahrung sind die Samen der Nadelbäume. Im Wald hören wir oft ihr Gurren und ihr k
latschendes Auffliegen. Das Klatschen rührt vom Zusammenschlagen der Flügel über dem Körper her; es ist gelegentlich auch von der Haustaube zu hören, besonders beim Balzflug des Täubers. - Die etwas kleinere Hohltaube nistet in Baumhöhlen. - Ein seltener Waldbewohner ist die Turteltaube. Sie trägt ein rostrotes Gefieder mit schwarzweißen Streifen am Hals und lässt ein girrendes „tur-tur" hören. - Alle Waldtaubenarten leben im Gegensatz zur Felsentaube und Haustaube nicht in Gemeinschaften, sondern einzeln. - Die unscheinbarer gefärbte, aus Indien stammende Türkentaube ist seit der Mitte des Jahrhunderts auch bei uns heimisch geworden. Sie breitet sich immer weiter nach Westen und Norden aus und verdrängt dabei vielerorts die Turteltaube. - Tauben gibt es in allen Erdteilen und in allen Zonen. Man kennt rund 300 Arten. Die meisten von ihnen sind Waldbewohner.
aus: Schmeil, Biologisches Unterrichtswerk, Tierkunde, erschienen bei Quelle & Meyer Heidelberg, Auflage 1971
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